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Grundlagen der Therapie nach A. Tomatis, erklärt von Heidrun Fischer, Hörtherapeutin aus Nürnberg
Ohr Anamtomie zum Verständnis der Hörtherapie
Alfred Tomatis, Begründer der Hörtherapie

Wirkungsweise der Hörtherapie

Der französische Hals-Nasen-Ohrenarzt und Phoniater Prof. Dr. Alfred Tomatis (1920 -2001) widmete sein Leben der Erforschung der Bedeutung des Sinnessystems Ohr weit über die herkömmliche Betrachtungsweise hinaus. Tomatis erkannte die entscheidende Bedeutung des Hörens als Brücke zwischen außen und innen, zwischen Umwelt und Gehirn und befasste sich außer mit dem Ohr auch mit dem Prozess der Wahrnehmung des Gehörten, also der Verarbeitung von akustischen Signalen im Gehirn.

Tomatis entdeckte bei der Behandlung von Menschen mit Lärmschädigungen und Sängern mit Stimmproblemen den engen Zusammenhang von  Hören und Stimme und gelangte zu der Erkenntnis, dass die Qualität der Sinneswahrnehmung Hören entscheidende Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit der Stimme sowie die Sprach- und Kommunikationsfähigkeit eines Menschen ist. Darüber hinaus entwickelte er eine Methode, mit der er die auditive Wahrnehmung, das Hören, gezielt stimulieren und dauerhaft verändern konnte.

Seine  Beobachtungen fasste Tomatis in drei Gesetzen zusammen:

  1. Die Stimme enthält nur die Frequenzen, die auch das Ohr hören kann.
  2. Gibt man dem Ohr die Möglichkeit, nicht oder nicht ausreichend gut gehörte Frequenzen korrekt zu hören, erscheinen diese sofort und unbewusst in der Stimme.
  3. Durch eine über eine genügend lange Zeit hinweg vorgenommene akustische Stimulation können Gehör und Stimme dauerhaft verändert werden.

Das Ohr ist als Gleichgewichts- und Hörorgan unser leistungsfähigstes Wahrnehmungsorgan. Der Gleichgewichtssinn organisiert den Körper in der Bewegung, indem er Bewegungsrichtung und –dynamik wahrnimmt. Der Hörsinn erweitert das Körperschema um das Raumschema und verarbeitet die eintreffenden Schallreize.

Eine Therapie dieses Wahrnehmungsorgans hat deshalb positive Effekte sowohl auf die vestibuläre Kontrolle (Aufrichtung, Bewegungskoordination, Balance, Orientierung) als auch auf die auditive Wahrnehmung (gezieltes Hinhören, akustisches Differenzierungsvermögen). Die Qualität der auditiven Wahrnehmung  wiederum hat entscheidende Bedeutung für den Spracherwerb im Hinblick auf die mündliche und die schriftliche Kommunikationsfähigkeit.  Eine Verbesserung des Hörens bewirkt  deshalb auch in diesen Bereichen eine effektive Unterstützung.

Zur Stimulation des Sinnessystems Ohr entwickelte Tomatis eine Therapie, deren Herzstück das Elektronische Ohr ist. Das Elektronische Ohr bereitet Musik, in der Regel Mozart und Gregorianik, oder Stimmaufnahmen durch Filterung und Angebote verschiedener Klangbilder in definierten Sequenzen zu einem Klangmilieu auf, das der Therapeut individuell auf die persönliche Hörkurve eines Menschen abstimmt. Luft- und Knochenschallleitung werden dabei separat angesprochen.

Tomatis war seiner Zeit in vielen seiner Beobachtungen und Schlussfolgerungen voraus und geriet oftmals ins Kreuzfeuer der Kritik seiner Kollegen. Seine therapeutischen Erfolge gaben ihm jedoch Recht. So half er mit seiner Methode zahlreichen Menschen, auch Prominenten wie z.B. Gerard Depardieu oder Maria Callas.

Inzwischen haben die moderne Hirnforschung und die Wahrnehmungspsychologie vieles bestätigt und Erklärungsmodelle gefunden für das, was Tomatis bereits durch unermüdliche Beobachtungen und Experimente erkannt hatte.

Heute wissen wir, dass neuronale Netzwerke aus unseren sensorischen Erfahrungen entstehen. Diese legen Muster fest, entscheiden, wie diese Muster geformt und wie weit sie verzweigt sind. Je reichhaltiger unsere sensorische Umgebung ist und je mehr Freiheit wir haben, diese zu erkunden, desto verzweigter sind die Muster. Unsere Wahrnehmungsfähigkeit erweitert sich und damit auch unser Handlungs- und Verhaltensspielraum.

In der Hörtherapie wird genau dieser Effekt genutzt. Ein neuartiges und ungewohntes Klangangebot stimuliert das Gehirn. Durch Überlagerung mit früher entstandenen Erregungsmustern, d.h. der bisherigen Hörweise, darstellbar in der individuellen Hörkurve,  werden die bisherigen gewohnten  Muster in einem Zustand fokussierter Aufmerksamkeit angeregt,  die neuen Muster zu integrieren und zu erweiterten Aktivierungsmustern zusammenzufügen. Durch hinreichend häufige Wiederholung des Sinnesreizes werden diese neuen Aktivierungsmuster immer wieder erregt und die beteiligten Nervenzellverbindungen gebahnt und stabilisiert. Es entstehen neue innere Hörbilder und Wahrnehmungsmöglichkeiten, die dann auch ohne äußere sinnliche Stimulation verfügbar sind, d.h. gelernt wurden. Das gibt dem Gehirn die Möglichkeit, zukünftig ähnliche Sinnesreize nun auch außerhalb des therapeutischen Raums aufnehmen und integrieren zu können, die zuvor nicht integrierbar waren, weil keine geeigneten Muster zur Verfügung standen, an die diese angehängt werden konnten.
Unsere Wahrnehmung verändert tatsächlich
unsere körperlichen Muster
Bruce Lipton, Molekularbiologe